Eigenheime Teil 4

Januar 18, 2009 von surviveus

Nach wie vor ist es kalt, sehr kalt im Nordosten der USA. Minus 17 oder -20 Grad Celsius. Gestern Nacht ist in einigen Gebieten für ein paar Stunden der Strom ausgefallen. Beliebtes Thema in der Mittagspause: Bei welcher Außentemperatur und welcher Stromausfalldauer kein Wasser mehr aus der Dusche kommt, weil die Leitung eingefroren ist.

Das typische amerikanische Wohnhaus besteht aus einem Holzrahmen mit einer Gipskartonplatte innen und einer Holz- oder Vinylbeplankung außen. Was dazwischen ist? Bei älteren Häusern (so um 1960) überwiegend nichts, 1960-1980 ein paar cm Steinwolle, um 1990 dann auch eine Spanplatte unter der Außenbeplankung um die Windsteifigkeit zu erhöhen. Seit ein paar Jahren ergänzt um eine 1,25mm starke Hartschaumplatte zum erhöhten Wärmeschutz. Im Idealfall kommt noch eine Windsperre aus Tyvek drauf.

Die paar cm Steinwolle sind nicht durch eine Dampfsperre (vapor barrier) geschützt, sondern nur durch eine normale, nicht besonders liebevoll installierte gewöhnliche Plastikfolie als Dampfbremse (vapor retarder).

Wer sich ein bisschen mit Bauphysik auskennt, weiß dass ein solches Haus ein Sanierungsfall ist sobald es bezogen wird. Der Wasserdampf in der Luft dringt in die Steinwolle ein, die zunehmend kälter wird auf dem Weg nach außen, der Dampf kondensiert und gefriert oder schlägt sich gleich als Eis nieder. Das reduziert die Isolierwirkung erheblich, wodurch der Taupunkt weiter nach innen wandert, bis er die Innenseite der Gipskartonplatte erreicht hat und die Wand so kalt ist, dass sie feucht wird ist und sich Schimmel bildet.

Dieser Autor kriegt jedes mal die Krise, wenn er Schimmel im Wohnraum entdeckt, die werte Gattin, die mit dem Phänomen aufgewachsen ist, nimmt es gelassen und greift zum Schimmel-Ex.

Das lässt sich auch durch eine dickere Isolierung nicht kurieren, nur verzögern. Dann dauert es eben auch entsprechend länger, bis die Wand wieder durch und durch trocken geheizt ist, sobald die Außentemperatur das wieder zulässt. Bei hohen Feuchtigkeitsgehalten sprechen wir hier vom Wonnemonat Mai, wenn die Klimaanlage die Innenluft zusätzlich abtrocknet. Holz- und Holzständerbauweise sind in trockenen Klimaregionen sinnvoll, in den USA also vor allem in Texas, Neu Mexiko, Arizona und Nevada (wo man wegen des extremen Tagesgangs der Temperatur besser dicke, schwere Wände hätte), oder erfordern sorgfältigste Bauweise.

Eine Dampfsperre wäre ideal, in der Realität zieht der Wind aber durch „Öffnungen in der Außenwand“ wie Lichtschalter und Steckdosen herein (und entsprechend als feucht-warme Innenluft wieder hinaus). Neubauten und Haussanierungen sehen, kurz bevor die Beplankung angebracht wird, aus wie Werbeflächen für „Tyvek“. Das ist das „rissfeste Papier“, in dem man in Europa gelegentlich seine Briefe versendet. Tyvek reduziert den Durchzug und spart soviel Energie, dass sich das nicht ganz billige Tyvek rentiert, wenn man sein gesamtes Haus damit einwickelt. Außen angebrachtes Tyvek ersetzt aber keine Dampfsperre.

Erschwerend hinzu kommt, dass das amerikanische Wohnhaus häufig wechselnde Bewohner sieht und jeder gerne seine Nägel an einer anderen Stelle in die Wand schlägt, den Kabelanschluss für den Fernseher gerne in der Nähe des TVs hat und auch der Computer sein Netzwerkkabel an jeder beliebigen Stelle im Haus einfachst von außen durch die Wand gebohrt und verlegt haben kann. Die Dampfbremse ist selbst, wenn sie jemals vorhanden war und auch noch fachgerecht montiert wurde, nach ein paar Jahren löchrig wie ein Schweizer Käse. Keinen stört es, weil man ja eh nicht lange hier wohnt.

Dazu kommen noch Fenster mit Einfachverglasung bis spät in die 60er Jahre und großzügige Wohnflächen von 75m2 und mehr nicht pro Haushalt, sondern pro Haushaltsmitglied. Auch das, was man in Deutschland eine Doppelisolierverglasung nennen würde, weist im Haushalt dieses Autors derzeit großzügig Raureif an der Innenseite aus. Obwohl viel mit Holz geheizt wird und die Luft dadurch eher zu trocken, als zu feucht ist.

Thema Luftaustausch: Die meisten Häuser haben (wenn man arm ist) eine propangasbetriebene Luftheizung an der Wand hängen (area heater) oder (wenn man reich ist) central air, also eine zentrale Kombination aus Warmluftheizung und Klimaanlage. Wer so arm ist, dass er einen area heater hat, versucht auch damit das ganze Haus zu heizen, um Strom zu sparen. Der erzwungene Luftaustausch während der Aufheiz- und Abkühlzyklen bei einem großen Haus: Die Warmluftheizung springt an, erwärmt eine große Menge Luft sehr stark, welche sich ausdehnt und teilweise ins Freie gedrückt wird, nachdem das Haus warm ist, schaltet sich das Wandheizgerät aus, die Luft kühlt sich ab und zieht schön kühle Außenluft nach innen.

Alles in Allem ist entweder der Winter in den USA relativ teuer, oder der Sommer, oder beides. In Neu-England beträgt eine monatliche Heizrechnung 800 bis 1600 Dollar für ein Einfamilienhaus, in Georgia frisst die Klimaanlage 250.- Dollar im Monat selbst in kleinen Häusern.

Das schmerzt, es muss etwas getan werden. Wer überwiegend mit Strom heizt, kann vom Stromversorger vielerorts ein kostenloses Energie-Audit seiner Behausung bekommen. Ein Fachmann kommt, schaut sich um, misst und stellt ein kostenloses Energiesparpaket zusammen. Im Hause dieses Autors enthielt es:

  • Ca. 20 dünne Schaumstoffformstücke, die hinter die Lichtschalter- und Steckdosenabdeckungen in Aussenwänden gesteckt werden, um den Durchzug zu vermindern
  • Eine Schachtel Energiesparlampen
  • Ein Ein Energiespar–Duschkopf (der weniger elektrisch beheiztes Wasser durchlässt)
  • Ein Gutschein über 50.- Dollar, einzulösen für ein Energiespar–Elektrogerät im Onlineladen des teilnehmenden Grosshändlers
  • Ein LED-betriebenes Nachtlicht
  • Ein Plastikstück, das zu pfeifen beginnt, wenn bei der central air (was im Haushalt nicht vorhanden ist) der Filter verstopft ist.

Wer das lachhaft findet, hat noch nicht in einem amerikanischen Haus gelebt: Mit dieser Ausrüstung kann man mehr sparen als der deutsch Haushalt überhaupt für Energie ausgibt!

Für die schlecht isolierten Fenster und Verandatüren gibt es auch Abhilfe: In jedem Supermarkt und Baumarkt gibt es zum Saisonauftakt praktische Folienkits, mit denen man sein Haus von außen oder von innen mit aufgeklebten Plastikfolien abdichtet oder eine Doppelverglasung simuliert.

Dieser Autor hat auch schon Mittelklassehäuser (Double Income/No Kids mit zwei neuen Trucks und zwei neuen Motorschlitten, einer Harley und einem Cabriolet für den Sommer in der Garage) gesehen, in denen die Bewohner eine Plexiglasscheibe dauerhaft auf den Fensterrahmen geschraubt haben, um eine Art Doppelverglasung zu erreichen. Entweder es ist billig oder es ist uninteressant. Für ein existierendes Haus wird in den USA nichts ausgegeben. Man wohnt es ab und zieht dann um.

Es gibt auch regionaltypische Bauweisen, die (teilweise) an das Klima angepasst sind. Diese sind aber weitgehend verschwunden, sofern nicht zu einem Museum gehörend. Das Wohngebäude der „Robert-Frost-Farm“ (http://robertfrostfarm.org/visit.html) zum Beispiel mag zwar ein an das Klima angepasstes „Saltbox“ sein (gerade Flächen, tiefgezogenes Dach, innenliegender, holzbeheizter Massespeicher aus Ziegel), die etwa eine halbe Million Neubauten im Umkreis von 100 km sind es aber nicht.

Ein „Saltbox“  ist auch nur an das Winterwetter angepasst. Wer einen Blick auf seinen Globus wirft wird feststellen, dass Neu England für die USA zwar unglaublich weit im Norden liegt, global betrachtet aber etwa so weit nördlich liegt wie Südeuropa. Zum Beispiel in Spanien ist es nicht wirklich kalt, vor allem nicht im Sommer, wenn die Sonne herunter brennt. Genau das passiert auch in Neu England. In Florida hat man gelegentlich überhängende Dächer, die den Sonneneinfall ins Haus bei der im Sommer hoch stehenden Sonne verhindern und die Fenster im Schatten halten. Das wäre in Neu England eine ganz feine Sache und würde jede Menge Energie für die Klimaanlage sparen. Diese Bauweise findet man aber bei Wohnhäusern erst wieder ein Stück weiter nördlich, in Kanada. In der Provinz Quebec ist das typische Wohnhaus ideal angepasst an kalte Winter und starke Sonneneinstrahlung im Sommer. Diese Bauweise findet der Amerikaner aber hässlich, weil boxy. Der Amerikaner hat es gerne verwinkelt. Viele kleine Erkerchen, hervorspringende Flächen, zurückversetzte Flächen, außen am Haus angebrachte Innenschränke (closets). So ein gebilde fachgerecht abzudichten ist nahezu unmöglich, also lässt man es lieber gleich. Die Gattin dieses Autors findet das schön und nennt dieses Phänomen von ineinander schneidenden Dach- und Wandflächen „it adds structure“.

Um auf die eingefrorene Dusche zurückzukommen: Dieser Autor, neugierig, wie er ist, schaut sich gelegentlich auf Baustellen um, auf denen er eigentlich nichts verloren hat. Das Badewannenmodul mit Dusche ist in den USA meistens ein großes Plastikformstück, das recht früh in der Bauphase montiert wird, in der Regel ohne Isolation dahinter. Warum, kann nicht nachvollzogen werden, und wen stört es? Wenn der Maler raus ist aus dem Neubau, merkt das keiner mehr und bis die Bauschäden sichtbar werden, hat das Haus dreimal seinen Besitzer gewechselt. Die lifetime guarantee, die man als Bauherr in der deutschen VOB vergeblich sucht, gibt’s in den USA tatsächlich. Allerdings nur für den Erstbesitzer.

Donnerwetter

Januar 17, 2009 von surviveus

Das Klima eines ganzen Kontinents im Jahreszyklus in einem Artikel zusammenzufassen ist eine Aufgabe, die dieser Autor lieber den Profis ueberlaesst. Wer in den USA lebt wird sich schnell daran gewoehnen, dass das Wetter eine wichtige Rolle im Alltag spielt, in der Regel, weil es so extrem ist.

Es gibt zahlreiche Gegenden in den USA, die in den letzten paar Tausend Jahren mehrfachen erfolglosen Besiedelungsversuchen ausgesetzt waren und jetzt stark wachsende Ballungszentren beherbergen. Fehlentscheidungen betreffend wo man sich niederlaesst konnte man in den letzten Jahrzehnten leicht durch erhoehten Energieeinsatz wettmachen. Wuestenklima? Kein Problem: Klimaanlagen muessen her. Arktische Temperaturen im Winter: Strom fuer die Heizung kommt doch aus der Streckdose (meistens jedenfalls).

Das hat zu strukturellen Fehlentwicklungen gefuehrt, nicht nur weil Energie immer teuerer wird. Den Wuestensiedlungen im Westen und Suedwesten der USA geht inzwischen auch das Trinkwasser aus. Phoenix Arizona leitet seinen Namen von einer (vermutlich wegen Wassermangel) verschwundenen Kultur ab und ist die am zweitstaerksten wachsende Region der USA. Arizona hat die meisten Boote pro Einwohner aller Staaten der USA. Logisch, oder? Es sind ja nur knapp 6 Stunden mit dem Auto nach San Diego CA.

Selbst im regenreichen Nordosten wird erkannt, dass das Wasser knapp wird. In New Hampshire kann man keine drei Kilometer geradeaus gehen ohne in einem kleineren oder groesseren See ertrinken zu muessen, trotzdem ist die Stadt Nashua (500.000 Einwohner) dabei, dem boersennotierten Wasserverorger das Netz zu enteignen (Eminent Domain). Vorausschauende Gemeinden in den USA machen inzwischen also genau das Gegenteil von dem, was in Europa noch als fortschrittlich betrachtet wird: Die Stadtwerke zu privatisieren.

Europa wird vom Golfstrom beheizt. Der Golfstrom zieht an der Ostkueste der USA nach Norden, bevor er sich Richtung Europa verabschiedet und hat auch einen erheblichen Einfluss auf das Wetter im Nordosten der USA: Etabliert sich ein Tief zwischen Neufundland und Groenland, pumpt es feuchtwarme Luftmassen in den Nordosten der USA im Rahmen einer starken, aus Nordosten kommenden Luftstroemung, liebevoll Nor’easter genannt. Dann stuermt und duscht es hier eine Woche lang wie aus Kuebeln oder es gibt bis zu einen Meter Neuschnee (pro Tag). Diese Tiefdruckgebiete sind gar nicht so selten: Entweder sie werden frisch aus Kanada importiert oder unten in Florida hat man einen ausgedienten Zyklon uebrig, der sich dann ueblicherweise  entlang der Ostkueste ueber Groenland nach Europa begibt, um dort noch fuer ein paar Stunden Nieselregen zu sorgen, bevor ihm ueber den Weiten Russlands der Dampf ausgeht.

Golfstrom an der Ostkueste? Global betrachtet, ja. Tiefdruckgebiete „denken“ grossraeumiger als der Badende, der direkt vor der Kueste auf den Neufundlandstrom trifft, welcher – der Name laesst es vermuten – die Wassertemperatur je nach Jahreszeit zwischen 3,5 und 4,5 cm einstellt.

Der Nor’easter spielt auch eine wichtige Rolle im Jahreszeitenwechsel. Einen Fruehling im deutschen Sinne, mit zart knospenden Blueten und bunten Blumen auf der Wiese gibt es eher nicht. Es ist bis in den spaeten Maerz hinein kalt genug fuer eine geschlossene Schneedecke mit Temperaturen um den Gefrierpunkt, dann legt irgendwo irgend jemand einen Schalter um und es regnet zwei Wochen, danach explodiert die Natur foermlich und es ist Sommer. Ein langer, schoener, warmer Sommer. Das zieht sich bis Mitte September, dann beschliessen alle Baeume gleichzeitig in den strahlendsten Farben zu erleuchten und es folgt ein goldener Herbst bis ziemlich genau drei Wochen vor Weihnachten, wenn die Schneefaelle einsetzen.

Wetter ist Geschmackssache und man kann darueber diskutieren – nach Ansicht dieses Autors hat man in Neu England das Wetter, das man in Deutschland als idealen Wetterverlauf betrachten wuerde. Waehrend in Deutschland die Winter und die Sommer den Anspruechen der Verbraucher oft nicht genuegen, schwaechelt hier der Fruehling.

Nationalempfinden in den USA 1

Januar 16, 2009 von surviveus

Teil 1: Die genetische Überlegenheit des Amerikaners

Zur Einleitung die Fakten:

  • Die deutsche Wikipedia definiert den Nationalsozialismus als eine “radikal antisemitische, antikommunistische und antidemokratische Weltanschauung”.

  • Die folgenden Zitate oder gedanklichen Ausführungen nicht namentlich genannter Personen stammen ausnahmslos von gebildeten Amerikanern, die im regionalen öffentlichen Leben eine Rolle spielen, sich als true conservatives sehen, Republikaner wählen, Mitglieder der National Rifle Association sind, bis auf eine Ausnahme einen politisch motivierten Netzplatz betreiben (der sich mit der Geschichte und der Verfassung der Vereinigten Staaten auseinandersetzt) und diesem Autor alle persönlich bekannt sind.

Die Beispiele in diesem Beitrag stammen also nicht von irgend jemandem im hintersten Winkel Absurdistans, der einen deutschen Schäferhund und eine englische Übersetzung von Mein Kampf hat und den Tag damit verbringt, Bierdosen zu leeren um etwas zu haben auf das er mit dem 45er schießen kann.

Gleich mal vorneweg: Radikaler Antisemitismus ist diesem Autor in den USA bislang nicht persönlich über den Weg gelaufen. Man erzählt sich zwar, dass Präsidentschaftskandidat John McCain bei einem Treffen mit jüdischen Geschäftsleuten herausgestellt hat, dass die Damen und Herren (aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit) exzellent im Geld machen seien, was ihm gefalle. Das ist fragwürdig, aber nicht radikal.

Das Kriterium “radikal antikommunistisch” braucht nicht weiter diskutiert werden, radikal antikommunistisch zu sein gehört in konservativen Kreisen der USA ganz einfach zum guten Ton. Wer mit konservativen Parteigängern diskutiert, wird gelegentlich auf die Verhältnisse in der PRM, der People’s Republic of Massachusetts (in Anlehnung an die Volksrepublik China) hingewiesen, in der es unter anderem (neben „scharfen“ Waffengesetzen) so fürchterliche Auswüchse wie Pflichtkrankenversicherung für Arbeitnehmer und sogar Arbeitslosengeld gibt. Wer da einen Satz mit “But in Europe …” beginnt, wird schon mal sofort mit “…that’s Socialism!” abgeblockt (was nicht den üblichen Höflichkeitsregeln entspricht).

Das Kriterium “radikal antidemokratisch” zu diskutieren, ist da schon ergiebiger. “We aren’t a damned democracy, we are a republic!” ist ein Ausspruch, der in konservativen Kreisen gerne und häufig verwendet wird. Sobald man darauf aufmerksam macht, dass per Definition das Dritte Reich unter Hitler eine reinrassige Republik, aber eben keine Demokratie war wird man darüber aufgeklärt, dass man die Begriffe democracy und republic im amerikanischen Sinne verstehe. Das macht die Sache dann noch bedenklicher, hier befindet sich eine ganze politische Schicht intellektuell bereits harsch am Abgrund oder ist dadurch, dass sie bereits eine eigene Diktion entwickelt hat, bereits einen Schritt weiter.

Dieser Autor wurde auch schon persönlich darüber aufgeklärt, dass er als Europäer genetisch minderwertig ist. Das geht so: Diejenigen, die Europa verlassen haben, waren diejenigen, die Neuem gegenüber aufgeschlossen, hoch motiviert und risikofreudig waren. Die haben sich dann in der Neuen Welt munter vermehrt, weswegen der Amerikaner per se ein risk-taker sei. Dies unterscheide den Amerikaner ganz wesentlich vom Europäer, der im Laufe der Auswanderungswellen durch die Jahrhunderte permanent seine risk-taker Richtung Neue Welt verloren habe und dadurch träge geworden sei.

Zwar räumt man ein, dass es auch in Amerika genetisch minderwertige Gruppen (non-risk-taker) gebe, und zwar die Nachkommen der amerikanischen Ureinwohner (deren Vorfahren ja schon da waren) und die Schwarzen, die sich ja nicht dazu entschließen mussten, ein Risiko auf sich zu nehmen, um auf ein Schiff in die Neue Welt zu gelangen. Kein Wunder, dass diese beiden Bevölkerungsgruppen im Land of the Free nicht so recht auf die Hufe kommen. Das liegt an ihren Genen.

Die Europäer sind also die Abkömmlinge der Zurückgebliebenen, zahlenmäßig rückläufige, aussterbende Gesellschaften. Diesem Autor wurde allerdings zugestanden, zumindest teilweise ein risk-taker zu sein, schließlich habe er die Alte Welt ja verlassen. Ja, da fühlt man sich doch geschmeichelt! Obwohl man ja eigentlich nur aus einem der Länder stammt, die der derzeit noch amtierende US-Präsident als “Vertreter des alten Europas” identifizierte (wegen mangelnder Risikobereitschaft, in seinen Irakkrieg zu ziehen).

Menschen, die sich einer Herrenrasse zugehörig fühlen, neigen gelegentlich dazu, missionarisch tätig werden zu wollen. Manche wollen beweisen, dass die Welt “am deutschen Wesen genesen” kann. Andere demonstrieren, dass die Welt nur durch risk-taking, zum Beispiel die Deregulierung des Bankenwesens zu voller Blüte gelangen kann. Auf der mehr persönlichen Ebene möchte man als Arier vielleicht dem Führer ein Kind schenken oder als risk-taker dem Führer einen Krieg schenken?

Die Ideen der genetischen Überlegenheit bestimmter Bevölkerungsgruppen ist eine uramerikanische Erfindung, der Eugenik. Die Nationalsozialistische Rassenhygiene im Dritten Reich waren nichts neues, Vorschriften mit Verboten der Eheschließung und Zwangssterilisierung gab es in den USA schon lange vorher. Dieser Teil ihrer Geschichte ist den Amerikanern allerdings nicht sehr geläufig.

Mit anti-intellektuellen Fanatikern kann man nicht gut diskutieren. Mein Lieblingseinwand, um die Herren risk-taker nachdenklich zu stimmen ist die Frage, ob die Auswanderer nicht vielleicht mehr aus vaterlandslosen Gesellen bestanden haben, die sich lieber aus dem Staub machten, anstatt sich zu Fragen, was sie für ihr Land tun können. Gemischt mit religiösen Fanatikern, denen die Aufklärung und die Trennung von Kirche und Staat in Europa zu weit ging oder deren Sektiererei individuelle Freiheiten einschränkte. Ja, das geht dieser Gruppe ins Mark… Die Argumentation wird sofort ad hominem und Antwort mag da lauten: “You sound like a liberal!”. Das ist in den USA für viele eine massive Beleidigung. Der Autor fasst es als Kompliment auf.

Richtige Nazis gibt es in den USA zwar jede Menge, die Definition Nationalsozialismus greift aber nicht. Die gutbürgerliche Mittelschicht, die sich diesem braunen Gedankengut verschrieben hat, bezeichnet sich selbst als true conservatives. Die wahren konservativen Werte der USA sind aber eigentlich weitestgehende persönliche Freiheit, minimale Umverteilung des Volkseinkommens und eine starke Verteidigung. True conservatives ist mehr ein Sammelbegriff für eine Hand voll politischer Strömungen am äußerst rechten Rand des politischen Spektrums, die in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet werden würden. Die Partei Republicans )die auch als GOP – Grand Old Party – bezeichnet wird) mit der deutschen CDU/CSU gleichzusetzen, funktioniert überhaupt nicht, wohl eher mit der FPÖ in Österreich.

Survive us.

Eigenheime Teil 3

Januar 15, 2009 von surviveus

Wir wissen jetzt, warum der Amerikaner sehr geräumig wohnt und warum er sich das nicht leisten kann.

Die Frage ist immer noch – wie machen die das?

Und dann ist da noch die Frage: Was hat die Krise auf dem US-Immobilienmarkt damit zu tun, dass ich in Europa meine Spareinlagen verlieren würde, wenn der Staat sie nicht garantieren würde, warum muss ich in Bayern kurz arbeiten, wenn in den USA die Eigenheime weniger wert sind?

Beide Fragen lassen sich nur zusammen beantworten.

Wenn man über seine Verhältnisse lebt, ist irgendwann Ende der Fahnenstange, nichts geht mehr, rien ne va plus, game over. Außer, man ist kreativ, dann kann man noch eine Weile so weiter machen.

Also die Währung ist strukturell überbewertet, die Industrieproduktion ist “outgesourced”, die Einkommen sinken… Das Sparschwein muss geschlachtet werden. Das Sparschwein ist leer… Das nächste Auto wird nicht mehr gekauft, sondern geleast… Eine kleine Hypothek aufs Haus…. Irgendwann ist auch das ausgeschöpft. Kreditkarten sind die Rettung…. erst eine, dann zwei, dann wird nur noch der monatliche Mindestbetrag der Kreditkartenrechnung bezahlt… Langsam wirds eng…

Passiert das einer Familie, spricht man von Schuldenfalle und es handelt sich um persönliches Pech. Passiert das einer Nation von 300 Millionen konsumfreudigen Verbrauchern, hilft man gerne mal aus… “too big to fail” nennt man das, ab einer gewissen Größenordnung werden die Auswirkungen zu dramatisch und der Staat greift ein.

In Europa würde man vielleicht so etwas wie “Basel II” entwickeln und die Banken und Kreditvergabe stärker regulieren. Nicht so in den USA, Bankenregulierung ist bäh-bäh. Dort lockert man die Regeln, weil, wie man weiß, der Markt ja der Beste Regulator ist. Wenns kracht muss dann leider doch der Steuerzahler ran. Also Reduzierung der Bankenaufsicht, Stufe 1 – Ergebnis: Savings & Loans Krise, ein Zusammenbruch einer Art Sparkassensystem in den 80ern.

Der Verbraucher hat wieder mehr Zugang zu frischem Geld, weil die Kreditvergabestandards weiter gesenkt werden. Offiziell wird davon gesprochen, dass ganz einfach mehr Menschen der Traum vom Eigenheim ermöglicht werden soll.

Das erhöht die Nachfrage. Die Preise steigen. Plötzlich haben wieder mehr Leute “equity”, das Haus ist mehr wert als seine Hypotheken. Fein! Lass uns shopping gehen….

Jetzt gibt es da einen Hebeleffekt: Wenn die Häuserpreise um 10% steigen, hat man es natürlich besser, wenn die Hütte für 300.000.- gehandelt wird, als wenn es nur 100.000.- sind. Also: Größere Häuser auf größeren Grundstücken, und zwar bitte schnell, man will ja nichts verpassen!

Irgendwann lebt jeder in der größtmöglichen Hütte mit der maximal möglichen monatlichen Belastung. Was nun? Tilgungsfreie Darlehen! Wenn der Häuserpreis weiter steigt, ist der Hebeleffekt NOCH GROESSER…

Irgendwann stehen die Häuser am unteren Ende leer. Kein Problem, die füllt man, in dem man Leuten ohne festes Einkommen den amerikanischen Traum ermöglicht.

Ok, diese Einkommensschicht ist jetzt auch auf dem Zug nach oben…. Wieder sind die billigen Häuser leer. Nächste Stufe: Der Verkäufer zahlt den Käufer einen Teil der monatlichen Belastung für sagen wir ein Jahr oder 18 Monate. In 18 Monaten ist der Wert der Immobilie soweit gestiegen, dass refinanziert werden kann….

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann finanzieren sie sich noch heute. Spätestens hier war jedem klar, der fünf Gramm Hirn im Kopf hat, dass die Party zu Ende ist und die Immobilienprofiteure die letzte Rakete abfeuern Richtung Mond mit unbedarften, aber ausreichend raffgierigen Hypothekensuchenden, um sich selbst dann aus dem Markt zurückzuziehen. Das war im Sommer 2006.

Plötzlich fingen die Preise am unteren Ende zu bröckeln an… und das ganze schöne Konstrukt fing an zu beben.

Kein Grund zur Sorge, das wird schon wieder! Schließlich hat es so lange geklappt…

Das war die Seite der Hausbesitzer und der Spekulanten. Da gibt es aber noch die Rolle der Banken….

Den Banken war zu jeder Zeit klar, was sie da machen. Hypotheken wurden entweder vergeben als “conventional” (der Käufer bringt Eigenkapital mit und beabsichtigt, das Darlehen zu tilgen, diese Darlehen haben die Banken behalten), oder die frisch abgeschlossenen Darlehen wurden sofort an die halb staatlichen Hypothekenbanken “Freddie Mac” oder “Fannie Mae” verkauft.

Die beiden FM’s hatten aber gewisse Standards (trotz aller Bankenderegulierung). Was macht man jetzt mit den Darlehen, die nicht mal den Standards von FM entsprechen, völlig absurd sind, niemals hätten vergeben werden dürfen und binnen Monaten auseinander fallen müssen? Wenn man kriminell ist, das gleiche wie mit Giftmüll: Man verdünnt es solange, bis es nicht mehr so auffällt und kippt es dann ins Klo. Im größeren Maßstab nimmt man ein Schiff und verklappt im Meer. Zur Verdünnung wurden sogenannte “Finanzderivate” geschaffen, hier Bündel von Darlehensverträgen von denen keiner weiß, wer die Darlehensnehmer sind und was die Sicherheiten sind – eine Disziplin, in der die Amerikaner ganz groß sind. Statt von “kreativen Finanzinstrumenten” ist jetzt auch in den USA von toxic assets (aus Anlegersicht) oder troubled assets (aus Mittätersicht) die Rede – das Bild vom Giftmüll trifft die Lage also ganz gut. Die Verklappung über Europa mußte nicht mal organisiert werden, die Europäer sind doch immer wieder dankbare Kunden der Wall Street und holen die Ware gerne selbst ab.

Jetzt wissen wir, warum die Amerikaner in großen Häusern wohnen und die Europäer in kleinen Häusern und warum die Amerikaner über kurz oder lang überwiegend ihren Job verlieren werden und warum die Europäer keine Ersparnisse mehr haben.

Aber warum sind die Europäer so dumm und fallen immer wieder und immer wieder auf die Akteure an der Wall Street in New York herein? Teilweise ist es Raffgier, teilweise ist es geschicktes Marketing (“Shareholder Value” und “Performance” verleitet Banken- und Fondsmanager dazu, den Finanzcowboys das Geld kofferweise nach zutragen). Aber eins ist klar: Niemand wurde je gezwungen, sein Geld in die USA zu tragen. Und der kleine Mann in Amerika (“Main Street” im Gegensatz zu “Wall Street”) ist am Ende, wenn die Zwangsräumung kommt, genauso der Gelackmeierte wie der kleine Mann in Deutschland: Den Profit haben die gemacht, die wissen, wie das geht. Die Arbeit hatten die, die wissen, wie das geht.

Dies ist kein Aufruf, eine neue Sozialistische Internationale auszurufen (“Ausgebeutete aller Länder vereinigt Euch!”), sondern soll der Verständigung dienen. Einige haben so richtig abgesahnt, aber Joe Average geht es schlecht. Wenn der Deutsche Michel vom Rest der Welt jahrzehntelang in die Rolle des Megaverbrauchers gedrängt worden wäre, hätte er wahrscheinlich auch nicht nein gesagt und die Kreditkarte gezückt. Aber die Party ist jetzt vorbei, die Gläser (Konten) leer und die Aschenbecher (Kreditkarten) sind voll und – Zeit die Bude wieder aufzuräumen.

Das ist auch den Amerikanern klar, zumindest einigen.

Eigenheime Teil 2

Januar 9, 2009 von surviveus

Im letzten Eintrag ging es darum, wie der Amerikaner so wohnt. In diesem Eintrag geht es darum, wie er sich das leisten kann, bzw. Zunächst einmal darum, warum er es sich eigentlich NICHT leisten kann.

Wie gesagt, auf den ersten Blick erscheint das Leben in einem freistehenden Einfamilienhaus mit den üblichen 300 m2 Wohnfläche auf 6000 m2 Grund recht erstrebenswert und man beginnt sich zu fragen: Wie machen die das?

Hier stelle ich zwei Thesen auf.

  • Wie schon Aristoteles sagte, alle Dinge auf dieser Welt haben die Tendenz, einem Ziel zu zustreben. Eines der Ziele des Menschen ist es, möglichst wohltemperiert, geräumig und trocken zu leben.
  • Die Wohnqualität eines Bevölkerungsquerschnitts in einem Land verhält sich proportional zur Wohnqualität eines Bevölkerungsquerschnitts in einem anderen Land wie die Produktivitätsverhältnisse beider Länder. Auf deutsch: Wer während seiner arbeitstäglichen 24 Stunden (plus einer zum Ausruhen) einer hoch produktiven Tätigkeit nachgeht, wohnt im Schnitt wohltemperierter, geräumiger und trockener als jemand, der einer vergleichsweise unproduktiveren Tätigkeit nachgeht.

Während die Europäer 2000 Jahre lang bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts stark damit beschäftigt waren, sich gegenseitig die Länder zu verwüsten, haben die Amerikaner die Indianer rausgekegelt und nach einem heftigen Bürgerkrieg damit begonnen, es sich besser gehen zu lassen. Die Grundidee Amerikas ist die Hoffnung, dass es der nächsten Generation besser gehen wird, wenn diese Generation sich ordentlich reinhängt. Dass dies stimmt, haben die Amerikaner gründlich bewiesen und waren zu Beginn des letzten Jahrhunderts bis vielleicht so in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts der Maßstab vieler Dinge, unter anderem auch für die Eigenheimquote.

Die alte Regel “Die erste Generation erschafft es, die zweite erhält es, die dritte verprasst es” scheint auch für Volkswirtschaften zu gelten: Die Eigenheimquote in den USA liegt USA Today zufolge wieder auf dem Stand um 1940.

Zunächst einmal muss man wissen, dass der Amerikaner anders mietet als der Europäer. In Europa übernimmt man eine gewisse Verantwortung, wenn man ein Haus erwirbt, lebt lange darin und zahlt es ab. Das war in den USA früher auch so, ist aber inzwischen altmodisch. In den USA finanziert man ein Haus zu 100% und wenn man es nicht mehr möchte, gibt man es (wörtlich!) der Bank zurück (to give it back to the bank).

Die Banken finanzieren nicht nur zu 100%, sondern geben auch tilgungsfreie Darlehen (man zahlt also nur die Zinsen und wird niemals die Schulden los). In manchen Gegenden, namentlich Kalifornien, sind 40% der Häuser auf diese Weise von Banken vermietet an Personen, die im Grundbuch eingetragen sind.

Das erklärt, warum die Eigenheimquote in den USA die Quote aus der Summe aller Häuserwerte geteilt durch die Summe aller Hausdarlehen ist (wie viel vom Haus gehört Randy Redneck tatsächlich, wie viel gehört seiner Bank, denn im Grundbuch steht er ja sowieso). Nach Deutschen Maßstäben wäre die Eigenheimquote in den USA so etwa geschätzte 130% (Ferienwohnungen mitgezählt).

Ab und zu fangen Bevölkerungen an, Dummheiten zu machen. In Deutschland war einmal “Kanonen statt Butter” die Losung, in deren Folge die gesamtwirtschaftliche Produktion zwar stark stieg, langfristig sich aber die Kanonen so anhäuften, dass deren Benutzung sinnvoll erschien, was wiederum für den Wohlstand der Bevölkerung nicht von Vorteil war.

Anstelle von “Kanonen statt Butter!” lautete die Devise in den USA seit den 80er Jahren “Aktien statt Fabriken!”. Das Ergebnis ist das größte deindustrialisierte Land der Erde. Präsident (elect) Obama spricht zwar davon, dass “shipping jobs overseas” nicht der richtige Weg ist (was in den USA bereits nach Staatswirtschaft und Kommunismus riecht), aber den Trend umzukehren, dürfte schwierig werden.

Daran sind die Amerikaner nicht allein schuld. Während Deutschland, immer wenn es mal wirtschaftlich nicht so lief, ganz einfach die ohnehin starke D-Mark abwertete (höflich formuliert: “Durch Stützungskäufe den Dollar stabilisierte”) um die Exporte in die USA anzukurbeln, hatten die USA wenig Chancen, ihre Währung gegen den Dollar abzuwerten. Der Fluch der Leitwährung.

Das ergab einen Teufelskreis: Die Länder mit Exportüberschüssen haben mit Steuergeldern ihre Exportwirtschaft durch “Stützungskäufe des Dollars” solange stabilisiert, bis es in den USA keine Produktion mehr wirtschaftlich war und “Outsourcing” und “Globalisierung” erfunden werden mussten. Die USA haben sich allerdings gefreut, dass sie in einer globalisierten Welt auch ganz ohne Arbeit klasse leben können, sich mit dem Dollar alles kaufen können, die “Dienstleistungsgesellschaft” erfunden und angefangen, auf Pump zu leben.

Das produzierende Gewerbe dümpelt in den USA auf dem Stand von vor etwa 30 Jahren dahin (um exakt zu sein: Januar 2009 auf dem Stand von vor 28 Jahren) und jeder rechnet damit, dass in Detroit sowieso spätestens im Frühjahr 2009 die Lichter ausgehen. Das zieht dann die Zulieferbetriebe in den Abgrund (ein Umstand, den selbst Toyota, der größte Autobauer der Welt fürchtet). Dann haben sich die USA, Experten darin, andere Länder in die Steinzeit zurückzubomben, selbst in die Zeit von “40 Wagen westwärts” zurückbefördert. Das ist nicht gut, für niemanden. Bevölkerungen in größter Not und Armut neigen dazu, gefährlich zu werden.

Was hat das alles mit dem amerikanischen Eigenheim zu tun?

Mehr dazu im nächsten Blogeintrag!

Eigenheime Teil 1

Januar 7, 2009 von surviveus

Jeder kennt den Witz: “Wie machen Stachelschweine Liebe? Gaaanz vooorsichtig!!”, aber wie machen Amerikaner Liebe? “Gaaanz leihhhse!”.

Die Gipskartonplatte, die die Hotelzimmer von Lieschen Müller und Erika Mustermann im Urlaub in Florida voneinander trennt, trennt auch die Appartements von Joe Average und Randy Redneck im täglichen Leben.

Dieser Autor hat bezüglich Schallschutz den Vergleich zwischen ukrainischen Apartmentkomplexen in Kiew mit 0,8m dicken Betonwänden (wahrscheinlich war das Fünfjahresziel die Verbauung von m3 Beton anstatt die Schaffung von m2 Wohnfläche) am einen Ende der Scala und amerikanischen Appartmentkomplexen mit 1,25 mm duennen Gipskartonwaenden am anderen Ende der Scala. Zweimal 1,25 mm beplankte Wände mit nichts dazwischen sind die Norm, selbst wenn außen am Gebäude Steinplatten angeklebt sind um ein solides oder rustikales Aussehen zu erzeugen. Auch hier ist der Russe dem Amerikaner im wahrsten Sinne des Wortes haushoch überlegen!

Halt! Werden jetzt manche rufen, wir leben in einem Fertighaus des Herstellers XYZ und hören es fast gar nicht im Keller, wenn im Dachgeschoss jemand pupst, weil alle Spalten so gut abgedichtet sind! Richtig, man kann da etwas machen, aber Schallschutz ist eine Frage der Masse, und hier hapert es bei der amerikanischen Rahmenhausbauweise.

Nicht nur, dass Masse den Unterschied macht, wenn mal wieder ganz überraschend zu Beginn der Hurrikansaison die Windgeschwindigkeiten stark zunehmen. Masse schützt auch vor Lärm. Der Lärmschutz im amerikanischen Haus entspricht etwa dem eines deutschen Wohnwagens. Jetzt ist der Amerikaner zwar wesentlich lärmtoleranter als der Deutsche, der sich ja bekanntermaßen gerne über alles ein bisschen aufregt, aber alles hat seine Grenzen.

Also gehts raus aufs Land. Freistehende Eigenheime sind schließlich “The American Dream” und wenn schon, dann heißt es Klotzen statt Kleckern. Das Maß aller Dinge ist der “acre”, das sind so etwa grob 4000m2. Übliche Teilungen sind ¼, ½, ¾, 1, 1 ¼ und so weiter. Wer gut im Kopfrechnen ist erkennt sofort, dass die kleinste Einheit flächenmäßig deutlich über der deutschen Reihenhausparzelle von 125m2 liegt. Mit 1000m2 Grund ist man bereits in einem sehr dicht bebauten Ballungsraum, lebt sehr eingeengt und stark beeinträchtigt von den Nachbarn und will weiter raus. ¾ bis 1 ½ acre sind das, was sich die Mittelschicht in Boswash gerne leistet. In den Südstaaten südlich von Washington D.C. oder im “Fly-over” lacht man natürlich darüber, dass die Yankees im Nordosten der USA so dicht gedrängt hocken wie die Zugvögel auf der Telegrafenleitung. Wer im Apartmentkomplex oder dort sogar zur Miete wohnt, macht sich in den USA so verdächtig wie jemand, der keine Kreditkarten hat.

Wenn alle raus aufs Land gehen, ist das Land natürlich sehr schnell Stadtgebiet, die Landschaft zersiedelt. Im Stile osteuropäischer Strassendörfer werden zunächst die Hauptstraßen besiedelt, bis sich ein “Developer” findet, der eine neue Siedlung anlegt.

Jede Gesellschaft hat das Problem, dass die werktätigen Massen irgendwie untergebracht werden müssen. Im Kommunismus wurde dafür die Plattenbauweise an rechtwinklig verlaufenden Straßen am Stadtrand erfunden, in den USA die Holzständerbauweise and sich schlangenförmig windenden Straßen weit weg von der Stadt. In den 80er Jahren entstanden die Suburbs, inzwischen siedelt man in den Exurbs (in Fernstraßennähe zwischen den Ballungszentren). Auf diese Weise wachsen die Ballungszentren zusammen, und zwar nicht nur im Nordosten, sondern überall.

Auf den ersten Blick erscheint das Leben in einem freistehenden Einfamilienhaus mit den üblichen 300 m2 Wohnfläche auf 6000 m2 Grund natürlich recht erstrebenswert, die Nachteile liegen nicht so auf der Hand.

Stromleitungsnetze müssen gigantische Gebiete abdecken. Wasserversorgung gibt es nicht, jedes Haus hat seinen eigenen Brunnen, mit meistens sehr fragwürdiger oder sogar ungetesteter Wasserqualität (die Verseuchung mit petrochemischen Rückständen und extrem hoher Radioaktivität ist im Nordosten die Regel und nicht die Ausnahme). Die Häuser sind an keine Kläranlage angeschlossen, jedes Haus hat einen septic tank mit Versickerungsanlage (über New Hampshires Granit nur einige duzend Meter von der Brunnenbohrung eine besonders appetitliche Lösung).

Öffentlicher Nahverkehr: Die Erklärung steckt im Wort Nahverkehr. Bei großflächiger Zersiedlung kann man keinen Nahverkehr organisieren, da es sich automatisch um Fernverkehr handeln würde. Wer im dicht besiedelten Deutschland in einem ländlichen Gebiet lebt weiß, wovon ich spreche.

Schulweg für die Kleinen: Um 6h morgens kommt der Schulbus… Und überhaupt: Kinder haben international die Eigenschaft, ihren Eltern gelegentlich auf den Wecker zu gehen. In Deutschland sagt man dann: “Nun geht mal schön raus, spielen!”. In den Suburbs und Exurbs der USA entspricht das, die Kinder in den Wald zu schicken – sobald man den Kleinen einmal Hänsel und Gretel vorgelesen hat, lassen sie sich darauf schon überhaupt nicht mehr ein! Dafür gibt es nur drei Lösungen: eine XBOX 360, eine Wii oder ein Playdate. Playdates sind mütterlicherseits arrangierte und logistisch abgewickelte Spieltreffen für Kinder. Die amerikanische Mutter, ohnehin schon als soocermom oder hockeymom diskriminiert, verbringt ihre restliche Zeit damit, die Kleinen mit dem Auto zum Sandkasten zu fahren.

Die indirekten Kosten dieser Form des Wohnens sind hoch, sehr hoch. Nicht gerechnet den Landschaftsverbrauch, davon haben die USA ziemlich viel.

Die Nordamerikanische Zollunion

Januar 4, 2009 von surviveus

Der Titel dieses Eintrags lässt vermuten, dass es hier um Abgaben, Gebühren und andere Formen der Besteuerung geht. Die Steuern in den USA werden jedoch in einem eigenen Eintrag abgehandelt werden. Hier geht es ausschließlich um den Zoll und Zollprobleme.

Auf Drängen insbesondere der preußischen Akademie der Wissenschaften wurde am 20. Mai 1875 zur internationalen Einigung und zur Vervollkommnung des metrischen Systems die internationale Meterkonvention abgeschlossen, an der sich Deutschland, Österreich-Ungarn, Belgien, Brasilien, die Argentinische Konföderation, Dänemark, Spanien, die Vereinigten Staaten von Amerika, die Französische Republik, Italien, die Republik Peru, Portugal, Russland, Schweden und Norwegen, die Schweizerische Eidgenossenschaft, die Türkei und die Republik Venezuela beteiligten (Quelle). Alle genannten Staaten haben es mehr oder weniger geschafft, in den folgenden 100 Jahren ihre veralteten Masseinheitensysteme abzuschaffen, nur die USA haben noch völlig unsystematische, widersprüchliche und regional uneinheitliche Masse im Gebrauch.

Das beginnt bei der Messung von Temperaturen. Null F ist die Temperatur bei der Alkohol gefriert, das ist wichtig im täglichen Leben und 100F war die persönliche Körpertemperatur von 38,5C von Herrn Fahrenheit. Es zieht sich durch die Küche (dieser Autor steht jedes mal verzweifelt vor dem Supermarktregal wenn der Einkaufzettel „1,5 Tassen“ einer Substanz verlangt, die Ware jedoch in „flüssigen Unzen“ verkauft wird, was sich als Maßeinheit selbstverständlich von der „festen Unze“ unterscheidet).  Wer viel Zeit im Vereinigten Königreich verbracht hat mag sich hier überlegen fühlen, sei aber gewarnt. Die britische (imperiale) Gallone basiert auf einem mittelalterlichen englischen Biermaß (was sympathisch wirkt, wer freut sich nicht über 4,509 Maß Bier wenn das Brathendl schon bereitsteht und die Blasmusik spielt). In den USA verwendet man dagegen eine aus dem Weinhandel stammende Definition. Auch nicht schlecht, 3,785411784 Liter Wein sprengen jedoch die abendliche Aufnahmekapazität dieses Autors. Achtung: Dies ist entspricht der „flüssigen US-Gallone“, daneben gibt es noch die „trockene US-Gallone“, die etwa 4,40488377 Litern entspricht.

Manche mögen nun behaupten, dass das alles gar keine Rolle spielt im täglichen Leben, alles sei reine Definitions- und Gewohnheitssache. Dem widerspricht dieser Autor, der jedes mal, wenn es im Haushalt irgendetwas zu bauen, ändern oder reparieren gibt, bei dem die Werte Gattin ein Mitspracherecht anmeldet, ziemlich viel Zeit damit verbringt darauf zu warten, bis das nach Augenmaß gemessene und im Kopf einfachst berechnete metrische Ergebnis nach mühevollem Kleinkrieg mit Fuessen, Gallonen, Quadratfuessen oder eben Zöllen und deren wunderlichen Umrechnungsfaktoren verifiziert wurde.

Selbst wo Zoll drauf steht, ist noch lange nicht Zoll drin. Ein sehr schönes Beispiel ist die Holzabteilung im Baumarkt. Wer vermutet, dass Holzbalken mit dem Querschnitt 2×4 einen Querschnitt von 2 x 4 Zoll haben, ist ganz klar nicht in den USA aufgewachsen. Die 2 x 4 Zoll sind das Maß BEVOR der Balken auf Maß gesägt wird, das Ergebnis ist ganz erheblich mickriger. Two by Four ist also keine Maßangabe, sondern ein Synonym für „Kräftiger Balken“. Wie kräftig? Two by Four!

Der Amerikaner würde es niemals öffentlich zugeben, aber es nervt ihn selbst. Um es im täglichen Leben einfacher zu haben, gibt es ein sehr universelles Hilfsmaß, das „Gauge“. Das Gauge ist so ähnlich wie cheese ein Sammelbegriff für die verschiedensten Dinge. Man könnte ja zum Beispiel auf einem Verlängerungskabel für den Haushalt den Leitungsquerschnitt in 1/1000 Quadratzoll angeben, das wäre jedoch langweilig. Üblich sind 12 oder 14 Gauge. Interessanterweise sind 14 Gauge dünner als 12 Gauge, je weniger Gauge, desto dicker die Leitung! 12 Gauge sind aber noch lange nicht 12 Gauge, wer sich zum Beispiel eine Schrotflinte in 12 Gauge kauft wird sich wundern, wie viele Fahrradspeichen in der Stärke 12 Gauge in den 12 Gauge Lauf passen. Nicht dass dieser Autor empfiehlt, Fahrradspeichenbuendel mit der Schrotflinte zu verschießen – das war nur ein Beispiel.

Die Nordamerikanische Zollunion ist aber in der Auflösung begriffen und die USA bekommen das Metrische System durch die Hintertür. Die fortschreitende Entindustrialisierung der 50 Mitgliedsstaaten der Nordamerikanischen Zollunion führt zu immer mehr Importen. Diese Importe sind metrisch. Die Schraubverbindungen, die Abmessungen, alles. Die Bedienungsanleitung für Amerikaner weist zwar irgendwelche krummen mittelalterlichen Maße aus, der interessierte Anwender wird aber bemerken, dass diese krummen Werte erstaunlich runde Werte in einer SI-Basiseinheit haben. Der Rest der Anwender liest die Bedienungsanleitung ohnehin nicht oder ist völlig krumme Zahlen sowieso gewohnt.

Das ist subversiv. Europäischer Kulturimperialismus!

Nicht nur, dass Russland den Kalten Krieg gewonnen und inzwischen mehr Milliardäre als die USA hat und mittels Gaslieferungen ganz (!) Deutschland am kürzeren Gängelband halten kann als die alliierten Westmächte mit ihren Besatzungsstatuten dies in ihren Zonen konnten. Jetzt kommen auch noch die Deutschen und Franzosen mit ihrem Metrischen System. Dieser Autor lebt in New Hampshire, wo auf den Schnellstraßen die Entfernung zur nächsten Ausfahrt bereits in Klammern in Kilometern angegeben ist, wahrscheinlich wegen der benachbarten Kanadier. Wollen wir nur hoffen, dass die USA hier selbst die Abfahrt nicht verpassen. Survive US!

Freie Marktwirtschaft

Januar 4, 2009 von surviveus

Die USA werden gerne als die Gralshüter der freien Marktwirtschaft gesehen. Das war nicht immer so – zu Zeiten Franklin D. Roosevelts waren die USA nach heutigen Massstäben ein sozialistisches Land.

Man mag darüber streiten, ob die Wirtschaftswissenschaft eine Wissenschaft ist oder mehr im Bereich der Esoterik anzusiedeln ist. Fest steht, dass es derzeit ganz genau drei Ansätze gibt.

Am linken Rand gibt es da die Theorien von Marx und Engels. Ein geniales, in sich schlüssiges Konzept das in einer perfekten Welt ganz exzellent funktioniert und zwingend zu globalem Frieden, Wohlstand und Gerechtigkeit führt.
Am rechten Rand gibt es da die Theorien von Milton Friedman. Ebenfalls ein geniales, in sich schlüssiges Konzept das in einer perfekten Welt ganz exzellent funktioniert und zwingend zu globalem Frieden, Wohlstand und Gerechtigkeit führt.

Dumm nur, dass die Welt nicht perfekt ist. Marx hat nicht bedacht, dass der Mensch an sich dazu neigt, die Arbeit einzustellen, wenn er sich ausgenützt fühlt. Friedman hat nicht bedacht, dass der Mensch an sich dazu neigt, die Arbeit einzustellen, es es bequemer ist, andere für sich arbeiten zu lassen.

Solange Faulheit und Raffgier nicht ausgerottet sind, werden wir uns wohl mit den Theorien von John Maynard Keynes auseinandersetzen müssen, ob uns das passt oder nicht (Keynes war übrigens unter denen, die davor gewarnt haben, dass die Armut der Menschen in Deutschland nach dem Versailler Vertrag für die restliche Welt ganz unangenehm werden könnte).

Während sich also weite Teile der Welt ganz Karl Marx zugewandt haben, haben die USA massiv mit Friedmans Theorien experimentiert. Da sich extremistische und fundamentalistische Gesellschaftskonzepte rechts wie links nur mit Repression und Waffengewalt durchsetzen lassen, hat die CIA in Südamerika und Indonesien flugs ganze Demokratien abgeschafft um den Extremisten aus Chicago um Milton Friedman ein Experimentierfeld zu geben.

Die Idee, dass man nur ganz einfach ganz weniger Leute ganz schnell super reich machen muss und der Wohlstand dann zwangsweise in die unteren Gesellschaftsschichten durchsickert (trickle-down-economy) hat nicht funktioniert. In keinem einzigen Land (Chile, Argentinien, Indonesien, Russland…). Die Marxisten behaupten zwar genauso wie die Friedmanisten, dass es nicht geklappt hat, weil die reine Lehre leider nur verwässert angewandt wurde, nur glaubt ihnen das keiner. Den Friedmanisten glaubt man jedoch, zumindest teilweise in den USA.

Und hier beginnt das Problem: Genauso, wie die Russen ihre Industrie durch marxistische Experimente zerstört haben, haben die Amerikaner ihre Industrie durch friedmanistische Experimente zerstört. Das nennt sich hier „Globalisierung“ und „Outsourcing“, funktioniert aber wie Kommunismus: Gar nicht. Die USA sind die größte de-industrialisierte Nation der Welt. Die Industrieproduktion ist derzeit (Januar 2009) wieder auf dem Stand wie vor 28 Jahren, die Exporte der USA betragen etwa 1/3 von Deutschland bei einer dreimal so großen Bevölkerung (und einem viermal so hohen Energieverbrauch pro Kopf).

„Macht nix“, sagen hier manche, wir sind eine Dienstleistungsgesellschaft und haben eine Finanzindustrie! Wozu sich die Hände schmutzig machen. Wir polieren uns gegenseitig die Fingernägel, mähen uns gegenseitig den Rasen und verwalten für die übrige Welt das Geld.

Das mit dem Geld verwalten (während andere Nationen arbeiten) könnte ein Ende gefunden haben, nachdem die USA die Weltwirtschaft zum wiederholten Male an die Wand gefahren haben:

  • 1929 erste Weltwirtschaftskrise und ein wesentlicher Grund, dass Europa im Faschismus versunken ist

  • In den 80er Jahren hätte es mit der Savings & Loans – Krise fast wieder geklappt: Damals schon wurde verkannt, dass der Wert des Häuserbestands in einer Gesellschaft nicht schneller wachsen kann als die Einkommen in dieser Gesellschaft (Wer anderes als die Arbeitnehmer mit ihren Löhnen soll sich die ganzen Häuser / bzw. Mieten dafür leisten können?)

  • 2008 haben die USA wieder Vermögen vernichtet in der Größenordnung ihrer Jahreswirtschaftsleistung in der Hoffnung, dass eine Nation davon leben kann, wenn die Menschen sich gegenseitig ihre Häuser und Wertpapiere zu stark steigenden Preisen verkaufen

Das mit der Finanzindustrie könnte sich also erledigt haben. Tatsächlich jedoch können sich die USA derzeit (Januar 2009) nach wie vor zu lediglich 3,5% auf Staatsanleihen mit Geld eindecken. Lediglich ein paar Banken sind verschwunden – der Verlust ist gering, das Bankensystem in den USA ist so lachhaft und rückständig, dass dies einen eigenen Blogeintrag verdient. Das Problem ist, dass dieses Land eine ganze Generation von Wissenschaftlern und Ingenieuren nicht ausgebildet hat, dafür jetzt aber unheimlich viele „Finanzexperten“ hat.

Wie jede große Nation, die sich ein bisschen übernommen und voll auf die Schnauze gefallen ist, mangelt es auch hier nicht an Häme auf der Seite der Zuschauer so wie an Selbstkritik auf der Seite der Protagonisten.

Man kann den Amerikanern sicherlich vieles vorwerfen, aber nicht die eigene Dummheit und Raffgier. Die USA haben niemals irgend jemanden gezwungen, hart Erarbeitetes oder sauer Erspartes an die Wall Street zu tragen.

Die Frage ist jetzt, wie es weiter gehen soll, und das ist nicht zynisch gemeint: Survive US! ist ja schließlich der Titel dieses Blogs.

Der neugewählte Präsident der Vereinigten Staaten hat es klar ausgedrückt: „tricke-down-econmy (…) we now know, this does not work“.  Diese Einsicht kommt spät, aber dieser Autor ordnet die Bedeutung dieser Aussage so hoch ein wie die der Bemerkungen von Michail GorGorbatschow zu den Themen „Glasnost“ und „Perestroika“.

Manche Ideen richten sehr viel Schaden an und kosten Millionen Menschen das Leben, bis sie auf dem Schuttabladeplatz der Zeit landen.

R.I.P. Milton Friedman

Low Voltage? No Voltage!

Januar 4, 2009 von surviveus

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Es ist vielleicht nicht jedem bewusst, aber Mexiko und seine beiden nördlichen und südlichen Nachbarländer haben ihre Stromnetze noch nicht umgestellt und der Verbraucher muss mit derzeit noch mit lediglich 110V Netzspannung auskommen. Die USA sind also auch betroffen.

Dieser Umstand an sich ist ärgerlich, insbesondere wenn man in die USA umzieht. Glücklicherweise brennen Lampen für 220V nicht durch, wenn man sie hier anschließt und – o’ Wunder – die Fassungen und Lampensockel sind ein Beweis für die transatlantische Verbundenheit und man kann seine Lieblingsleuchte mit 110V Lampen bestuecken.

Bei Motorgeräten ist das nicht so einfach, dieser Autor hat sich auf einer international bekannten Auktionsplattform einen 110V-220V Konverter geschossen, der mit seinen 1,5kW die geliebten Handgeräte wie Stichsäge und Bohrmaschine mit Strom versorgen kann. Verlängerungskabel möchten im Allgemeinen bitte wohl dimensioniert sein, 10 oder 20 Ampere sind schnell erreicht! Wer sich wundert, warum in den USA selbst drei polige Steckdosen unterschiedlich aussehen können… Die Modelle mit dem T-förmigen Anschluss an Phase hängen an sstärkeren Leitungen, sind stärker abgesichert und vertragen auch mal einen kräftigeren Staubsauger, ohne dass gleich die Sicherung raus fliegt oder die Hütte abbrennt. Die runden Steckdosen sind für Drehstromgeräte (den amerikanischen Wäschetrockner), auch sie gibt es geerdet oder “genullt”, je nachdem ob das Haus an einem geerdeten Netz hängt oder nicht.

Als dieser Autor in seiner Jugend (Anfang der 70er Jahre) von seinem Vater in die Geheimnisse der Elektrizität eingeweiht wurde, waren Haushaltsstromnetze ohne Erdungsleitung in Deutschland bereits seit Jahrzehnten verschwunden und nicht mehr erwähnenswert – in den USA gibt es sie also noch heute. Deshalb gibt es auch so schön praktische Adapter, mit denen man ein Gerät mit einem Stecker mit einem Massepol dann eben doch in eine Steckdose mit nur zwei Drähten rein kriegt oder den zweiten Satz Drehstromadapter für den Wäschetrockner. Was soll bei nur 110V Wechselstrom (bzw. 220V Drehstrom) schon groß passieren?

Das wäre soweit alles recht idyllisch, wären diese schlappen 110V wenigstens regelmäßig verfügbar. Dem ist aber nicht so.

Genauso, wie der Amerikaner dazu neigt, auch in Gebieten mit regelmäßig auftretenden starken Winden schön weit fliegende Wohngebäude aus ein paar Balken und Brettern zusammen zunageln, so werden Stromleitungen zusammen mit Telefonleitungen gerne frei schwingend von Baum zu Baum verlegt. Das sieht nicht nur schöner aus, sondern erhöht auch die Spannung (nicht die elektrische).

Manche mögen argumentieren, dass Elektrizität und Kommunikationsleitungen die Nervenbahnen moderner Gesellschaften sind, das ficht in den USA aber niemanden an. Es ist ja auch viel billiger, parallel zu den unterirdischen Wasserleitungsnetzen oberirdische Stromleitungsnetze zu haben.

Schwächliche, nach amerikanischer Lesart aussterbende Gesellschaften wie die in Europa haben Stadtwerke, die Planungsmassnahmen vornehmen und meistens nicht an der Börse für Spekulationsgewinne gehandelt werden können, zwei höchst fragwürdige Merkmale. Die Amerikaner lieben den Nervenkitzel. Und der kommt regelmäßig.

Dieser Autor hat schon Winter in den USA erlebt, in denen die Stromausfälle nur wenige Stunden lang waren, so als Einstieg für den Ungeübten. 2006/07 waren es aber vier Tage, 2008/09 bereits acht Tage – am Stück, wohlgemerkt – und wäre die Strippe vom nächsten Pfosten zum Haus abgerissen gewesen, hätte es auch noch drei bis vier Tage länger gedauert.

Abgesehen davon, dass es unheimlich spannend ist, in einer bitterkalten Nacht im Dunkeln rund um das nur aus dünnen Balken und Brettern errichtete Wohnhaus tonnenschwere Bäume unter ihrer Eislast niedergehen zu hören – eine Nation, die schon eine ganze Weile keine Bomben und Granaten mehr auf eigenem Boden niedergehen hatte kann hier so richtig dieses Bagdad-Feeling entwickeln. Live dabei!

Pech für all diejenigen, die ihre Häuser ausschließlich mit Strom beheizen oder keinen Holzofen haben – im lokalen Radio (war auch ausgefallen für mehrere Stunden) kamen täglich Tipps, wie man am besten mit aufgefrorenen Wasser- und Heizungsrohren über den Winter kommt. Wenigstens kommt man aber in den USA mit einem Taschenmesser an die Leitungen heran und muss die Wand nicht mit Meißel und Hammer auf stemmen – an alles ist gedacht!

Wenigstens waren die Benzinpreise bereits wieder bei $1,50 für 3,8l Normalbenzin – wenn pro Tag 30 bis 40 Liter Sprit durch den Generator laufen, ist das teuer. Ach ja – Sprit gab es selbstverständlich nur in Gebieten mit Elektrizität (für Menschen, die noch den Umgang mit Bargeld gewohnt sind) oder in Gebieten mit Elektrizität UND Telefon (für Kreditkartenbenutzer).

Kein Strom bedeutet auch kein Wasser. Da dieser Auto in der Nähe eines Baches lebt und Wintercamping liebt empfand er alles als nicht so schlimm, andere, besonders ältere Menschen sind aber gestorben.

Optimismus ist alles: Momentan gibt es gebrauchte Generatoren zu Schleuderpreisen. Logisch – dass es diesen Winter einen zweiten Eissturm gibt ist unwahrscheinlich und dann kommt ja erst mal der Sommer…

Dieser Autor hat als Deutscher aber ein gewisses Recht auf weltschmerz und angst und wird seinen Generator auch weiterhin in Ehren halten um auch im nächsten Winter wieder St. Petrol um Hilfe bitten zu können! Survive US.

Oekojoghurt

Januar 4, 2009 von surviveus

Wie jeder weiß, der über ein fundiertes Halbwissen über die USA verfügt: Von Öko und Vollwerternährung haben die hier noch nichts gehört.

Es ist zwar richtig, dass es in den USA jede kulinarische Widerwärtigkeit viele einfach zu vermarktende Lebensmittel gibt und diese vereinzelt auch in den Export gelangen oder im Bestimmungsland nur wieder schwer zu entfernende Restaurantketten erzeugen. Andererseits gibt es aber entgegengesetzte Entwicklungen.

Dieser Autor hat in einem Magazin gelesen, dass „der Gründer von Stonyfield Farms derzeit den Lebensmittelkonzern Danone von innen revolutioniert“. Ob das stimmt kann von hier aus nicht beurteilt werden. Allerdings ist Stonyfield Farms anders als man vermuten würde und gehört inzwischen zu 80% zu Danone, das steht fest.

Joghurt ist eine potenziell extrudierbare Masse, ebenso wie cheese, und damit besonders anfällig für massiven Missbrauch durch amerikanische Lebensmitteltechniker. In den USA, die (zumindest derzeit noch) außerhalb des Gültigkeitsgebiets der EU-Lebensmittelrichtlinien liegen, ist dieser Umstand von besonders schwerwiegender Bedeutung.

Wie beim cheese gilt die Regel, dass es keine Regeln gibt und der mündige Verbraucher selbst bestimmt, was am besten für ihn ist (also möglichst billig und lange haltbar). Aufschluss gibt der Blick auf die Liste der Inhaltsstoffe: Milch ist beim amerikanischen Joghurt zwar mit drin, aber corn starch (Speisestärke) und high fructose corn syrup (das ist das Zeugs weswegen so viele Amerikaner immer dicker werden) ersetzen weitgehend die Milch. Ergebnis ist eine tote, eklig teigig schmeckende Masse, die sich beim verschlucken auch so anfühlt.

Danone Produkte sind ein deutliches Zeichen europäischen Kulturimperialismus: Joghurt aus Milch! Danone klingt zwar auf amerikanisch ein bisschen komisch und wird deshalb als „Dannon“ vermarktet, aber immerhin, das Imperium schlägt zurück.

Es gibt auch lokale Alternativen und sogar die passenden Verbraucher, die diese alternativen Produkte dann auch kaufen: Verbrauchernah am Stadtrand gelegene, ökologisch und sozial verträglich geführte Milcherzeuger- und Molkereibetriebe in New Hampshire, Maine und Vermont, am Nordrand der Megalopolis BosWash (Washington – New York – Boston mit 55 Millionen Einwohnern).

Im Lande von Anheuser-Busch und Mineralwasserimporten von den Fidschii-Inseln ist einem oft gar nicht bewusst, dass es auch im Supermarkt lokal produzierte Lebensmittel gibt. Stonyfield sei nur erwähnt, weil hier ums Eck gelegen (für amerikanische Verhältnisse, nur 20 Minuten mit dem Auto). Nun gut, Anheuser-Busch hat auch eine Bierfabrik im selben Landkreis, aber dem Thema Bier möchte ich einen eigenen, kompletten Eintrag widmen.