Nach wie vor ist es kalt, sehr kalt im Nordosten der USA. Minus 17 oder -20 Grad Celsius. Gestern Nacht ist in einigen Gebieten für ein paar Stunden der Strom ausgefallen. Beliebtes Thema in der Mittagspause: Bei welcher Außentemperatur und welcher Stromausfalldauer kein Wasser mehr aus der Dusche kommt, weil die Leitung eingefroren ist.
Das typische amerikanische Wohnhaus besteht aus einem Holzrahmen mit einer Gipskartonplatte innen und einer Holz- oder Vinylbeplankung außen. Was dazwischen ist? Bei älteren Häusern (so um 1960) überwiegend nichts, 1960-1980 ein paar cm Steinwolle, um 1990 dann auch eine Spanplatte unter der Außenbeplankung um die Windsteifigkeit zu erhöhen. Seit ein paar Jahren ergänzt um eine 1,25mm starke Hartschaumplatte zum erhöhten Wärmeschutz. Im Idealfall kommt noch eine Windsperre aus Tyvek drauf.
Die paar cm Steinwolle sind nicht durch eine Dampfsperre (vapor barrier) geschützt, sondern nur durch eine normale, nicht besonders liebevoll installierte gewöhnliche Plastikfolie als Dampfbremse (vapor retarder).
Wer sich ein bisschen mit Bauphysik auskennt, weiß dass ein solches Haus ein Sanierungsfall ist sobald es bezogen wird. Der Wasserdampf in der Luft dringt in die Steinwolle ein, die zunehmend kälter wird auf dem Weg nach außen, der Dampf kondensiert und gefriert oder schlägt sich gleich als Eis nieder. Das reduziert die Isolierwirkung erheblich, wodurch der Taupunkt weiter nach innen wandert, bis er die Innenseite der Gipskartonplatte erreicht hat und die Wand so kalt ist, dass sie feucht wird ist und sich Schimmel bildet.
Dieser Autor kriegt jedes mal die Krise, wenn er Schimmel im Wohnraum entdeckt, die werte Gattin, die mit dem Phänomen aufgewachsen ist, nimmt es gelassen und greift zum Schimmel-Ex.
Das lässt sich auch durch eine dickere Isolierung nicht kurieren, nur verzögern. Dann dauert es eben auch entsprechend länger, bis die Wand wieder durch und durch trocken geheizt ist, sobald die Außentemperatur das wieder zulässt. Bei hohen Feuchtigkeitsgehalten sprechen wir hier vom Wonnemonat Mai, wenn die Klimaanlage die Innenluft zusätzlich abtrocknet. Holz- und Holzständerbauweise sind in trockenen Klimaregionen sinnvoll, in den USA also vor allem in Texas, Neu Mexiko, Arizona und Nevada (wo man wegen des extremen Tagesgangs der Temperatur besser dicke, schwere Wände hätte), oder erfordern sorgfältigste Bauweise.
Eine Dampfsperre wäre ideal, in der Realität zieht der Wind aber durch „Öffnungen in der Außenwand“ wie Lichtschalter und Steckdosen herein (und entsprechend als feucht-warme Innenluft wieder hinaus). Neubauten und Haussanierungen sehen, kurz bevor die Beplankung angebracht wird, aus wie Werbeflächen für „Tyvek“. Das ist das „rissfeste Papier“, in dem man in Europa gelegentlich seine Briefe versendet. Tyvek reduziert den Durchzug und spart soviel Energie, dass sich das nicht ganz billige Tyvek rentiert, wenn man sein gesamtes Haus damit einwickelt. Außen angebrachtes Tyvek ersetzt aber keine Dampfsperre.
Erschwerend hinzu kommt, dass das amerikanische Wohnhaus häufig wechselnde Bewohner sieht und jeder gerne seine Nägel an einer anderen Stelle in die Wand schlägt, den Kabelanschluss für den Fernseher gerne in der Nähe des TVs hat und auch der Computer sein Netzwerkkabel an jeder beliebigen Stelle im Haus einfachst von außen durch die Wand gebohrt und verlegt haben kann. Die Dampfbremse ist selbst, wenn sie jemals vorhanden war und auch noch fachgerecht montiert wurde, nach ein paar Jahren löchrig wie ein Schweizer Käse. Keinen stört es, weil man ja eh nicht lange hier wohnt.
Dazu kommen noch Fenster mit Einfachverglasung bis spät in die 60er Jahre und großzügige Wohnflächen von 75m2 und mehr nicht pro Haushalt, sondern pro Haushaltsmitglied. Auch das, was man in Deutschland eine Doppelisolierverglasung nennen würde, weist im Haushalt dieses Autors derzeit großzügig Raureif an der Innenseite aus. Obwohl viel mit Holz geheizt wird und die Luft dadurch eher zu trocken, als zu feucht ist.
Thema Luftaustausch: Die meisten Häuser haben (wenn man arm ist) eine propangasbetriebene Luftheizung an der Wand hängen (area heater) oder (wenn man reich ist) central air, also eine zentrale Kombination aus Warmluftheizung und Klimaanlage. Wer so arm ist, dass er einen area heater hat, versucht auch damit das ganze Haus zu heizen, um Strom zu sparen. Der erzwungene Luftaustausch während der Aufheiz- und Abkühlzyklen bei einem großen Haus: Die Warmluftheizung springt an, erwärmt eine große Menge Luft sehr stark, welche sich ausdehnt und teilweise ins Freie gedrückt wird, nachdem das Haus warm ist, schaltet sich das Wandheizgerät aus, die Luft kühlt sich ab und zieht schön kühle Außenluft nach innen.
Alles in Allem ist entweder der Winter in den USA relativ teuer, oder der Sommer, oder beides. In Neu-England beträgt eine monatliche Heizrechnung 800 bis 1600 Dollar für ein Einfamilienhaus, in Georgia frisst die Klimaanlage 250.- Dollar im Monat selbst in kleinen Häusern.
Das schmerzt, es muss etwas getan werden. Wer überwiegend mit Strom heizt, kann vom Stromversorger vielerorts ein kostenloses Energie-Audit seiner Behausung bekommen. Ein Fachmann kommt, schaut sich um, misst und stellt ein kostenloses Energiesparpaket zusammen. Im Hause dieses Autors enthielt es:
- Ca. 20 dünne Schaumstoffformstücke, die hinter die Lichtschalter- und Steckdosenabdeckungen in Aussenwänden gesteckt werden, um den Durchzug zu vermindern
- Eine Schachtel Energiesparlampen
- Ein Ein Energiespar–Duschkopf (der weniger elektrisch beheiztes Wasser durchlässt)
- Ein Gutschein über 50.- Dollar, einzulösen für ein Energiespar–Elektrogerät im Onlineladen des teilnehmenden Grosshändlers
- Ein LED-betriebenes Nachtlicht
- Ein Plastikstück, das zu pfeifen beginnt, wenn bei der central air (was im Haushalt nicht vorhanden ist) der Filter verstopft ist.
Wer das lachhaft findet, hat noch nicht in einem amerikanischen Haus gelebt: Mit dieser Ausrüstung kann man mehr sparen als der deutsch Haushalt überhaupt für Energie ausgibt!
Für die schlecht isolierten Fenster und Verandatüren gibt es auch Abhilfe: In jedem Supermarkt und Baumarkt gibt es zum Saisonauftakt praktische Folienkits, mit denen man sein Haus von außen oder von innen mit aufgeklebten Plastikfolien abdichtet oder eine Doppelverglasung simuliert.
Dieser Autor hat auch schon Mittelklassehäuser (Double Income/No Kids mit zwei neuen Trucks und zwei neuen Motorschlitten, einer Harley und einem Cabriolet für den Sommer in der Garage) gesehen, in denen die Bewohner eine Plexiglasscheibe dauerhaft auf den Fensterrahmen geschraubt haben, um eine Art Doppelverglasung zu erreichen. Entweder es ist billig oder es ist uninteressant. Für ein existierendes Haus wird in den USA nichts ausgegeben. Man wohnt es ab und zieht dann um.
Es gibt auch regionaltypische Bauweisen, die (teilweise) an das Klima angepasst sind. Diese sind aber weitgehend verschwunden, sofern nicht zu einem Museum gehörend. Das Wohngebäude der „Robert-Frost-Farm“ (http://robertfrostfarm.org/visit.html) zum Beispiel mag zwar ein an das Klima angepasstes „Saltbox“ sein (gerade Flächen, tiefgezogenes Dach, innenliegender, holzbeheizter Massespeicher aus Ziegel), die etwa eine halbe Million Neubauten im Umkreis von 100 km sind es aber nicht.
Ein „Saltbox“ ist auch nur an das Winterwetter angepasst. Wer einen Blick auf seinen Globus wirft wird feststellen, dass Neu England für die USA zwar unglaublich weit im Norden liegt, global betrachtet aber etwa so weit nördlich liegt wie Südeuropa. Zum Beispiel in Spanien ist es nicht wirklich kalt, vor allem nicht im Sommer, wenn die Sonne herunter brennt. Genau das passiert auch in Neu England. In Florida hat man gelegentlich überhängende Dächer, die den Sonneneinfall ins Haus bei der im Sommer hoch stehenden Sonne verhindern und die Fenster im Schatten halten. Das wäre in Neu England eine ganz feine Sache und würde jede Menge Energie für die Klimaanlage sparen. Diese Bauweise findet man aber bei Wohnhäusern erst wieder ein Stück weiter nördlich, in Kanada. In der Provinz Quebec ist das typische Wohnhaus ideal angepasst an kalte Winter und starke Sonneneinstrahlung im Sommer. Diese Bauweise findet der Amerikaner aber hässlich, weil boxy. Der Amerikaner hat es gerne verwinkelt. Viele kleine Erkerchen, hervorspringende Flächen, zurückversetzte Flächen, außen am Haus angebrachte Innenschränke (closets). So ein gebilde fachgerecht abzudichten ist nahezu unmöglich, also lässt man es lieber gleich. Die Gattin dieses Autors findet das schön und nennt dieses Phänomen von ineinander schneidenden Dach- und Wandflächen „it adds structure“.
Um auf die eingefrorene Dusche zurückzukommen: Dieser Autor, neugierig, wie er ist, schaut sich gelegentlich auf Baustellen um, auf denen er eigentlich nichts verloren hat. Das Badewannenmodul mit Dusche ist in den USA meistens ein großes Plastikformstück, das recht früh in der Bauphase montiert wird, in der Regel ohne Isolation dahinter. Warum, kann nicht nachvollzogen werden, und wen stört es? Wenn der Maler raus ist aus dem Neubau, merkt das keiner mehr und bis die Bauschäden sichtbar werden, hat das Haus dreimal seinen Besitzer gewechselt. Die lifetime guarantee, die man als Bauherr in der deutschen VOB vergeblich sucht, gibt’s in den USA tatsächlich. Allerdings nur für den Erstbesitzer.